Hayinger Albverein wanderte in Italiens Region Molise
Vom Baden am Adriastrand bis zu Restschneefeldern im Parco Nazionale Abruzzo-Lazio-Molise reichte die Bandbreite an Wanderungen und Ausflügen. Um 3 Uhr in der Nacht ging es los in Hayingen zur 10-tägigen Reise.
Zunächst hatte die Gruppe im Bus eine Tagesreise bis Grottammare in den Marken zurückzulegen. Ins Hotel Caraibi am Lungomare einzuziehen war für viele wie heimkommen, war die Ortsgruppe 2006 doch zum ersten Mal und einige weitere Male dort gewesen. Die meisten zog es noch ans Meer, andere freuten sich länger am leckeren Spuntino. Allein die warmen Olive Ascolane waren ein Gedicht. Sich morgens vom Caffè Doppio Macchiato und Brioche aus den Marken zu verabschieden, fiel nicht leicht: Was erwartet uns in der unbekannten Region?
Nach 3 Stunden Fahrt war das Eingangstor zum Molise dessen nordwestliche Ecke Alto Molise, mit dem Wintersportort Capracotta auf über 1.400 m. Der Hausberg Monte Santo (1.746 m) wollte erstiegen sein, genauso wie abwärts das felsige und luftige Rückgrat des tafelbergartigen Gipfels. Hier hatte eine einschlägige Outdoorapp einen recht einfachen und überschaubaren Abstieg suggeriert, dem der Wanderführer keinen Glauben mehr schenkte, als just ein veritabler Gegenanstieg auftauchte. Also alle rechts schwenken und die Wiesenhänge querend Höhe verlieren. Aber bitte keines der Millionen Knabenkräuter zertreten! Die Blumenpracht war außergewöhnlich, besonders die intensiven Farben und Schattierungen. Diese urplötzlich anspruchsvolle Auftaktwanderung führte also zur Straße, auf der wie von Geisterhand unser Knorr-Bus auftauchte. Die zweite Gruppe hatte sich zuvor schon dem Busfahrer anvertraut und Capracotta besichtigt.
Über den Pass Guado Liscia, nur 1.080 m, aber – wie sich’s gehört – mit zahlreichen Bikes am Rifugio, erreichte die Gruppe Agnone, das größte Städtchen der Gegend auf einem langen Rücken. Bekannt für die jahrhundertealte päpstliche Glockengießerei und für die Tradition der ‘Ndocciata, große Fackeln in Fächerform, mit denen an Weihnachten Umzüge veranstaltet werden. Damit waren sie auch schon auf Tour im Vatikan und sind entsprechend stolz darauf.
Eine Stadtführung auf italienisch, die Wanderführerin übersetzte, führte u.a. zum Nationaldenkmal Chiesa di San Francesco mit gotischer Fassade und barockem Inneren. Abgerundet wurde der Aufenthalt durch Barbesuch und durch ein privates Kupfermuseum mit Schätzen aus Jahrhunderten (Le Ramare).
Das Quartier für die Wanderwoche war in Venafro, einer geschäftigen Kleinstadt im südlichsten Zipfel des Molise zu Kampanien. Anderntags gab es eine kurze Anfahrt zum Lago di Castel San Vincenzo, einem Stausee mit ausgezeichnetem Blick zu den Bergen Le Mainarde des Abruzzennationalparks. Das Örtchen darüber glänzte mit leckerem bezahlbaren Gelato und mit Cafés in Aussichtslage. Aber nun genug und auf zur Seerunde, sobald wir alle Schäfchen beeinanderhaben. Eine halbverbotene Location zur Mittagsrast am See, dann ging es in den Hängen des Zieles Rocchetta Alta auf Hohlwegen hinauf und hinab. Fast zuviel Ginster, der den Weg zuwächst, aber so satt gelb! Am Ziel wartete der Bus direkt an einem Trinkwasserbrunnen. Oder mit einem Bier.
Was am nächsten Tag folgte, war auch für die Organisatoren besonders: Ein Ausflug durch den nordöstlichen Molise an die Adriaküste mit Termoli und dem trutzigen Castello Suevo (Schwaben, aber gemeint Stauferschloss) war Ausgangspunkt. Auf Ausschau nach weiteren Etappenpunkten war man in Larino, 6300 Einwohner hängengeblieben, 25 km von der Adria. Die Festivitäten zu Ehren des San Pardo lagen in unserer Reisewoche, darunter die dort berühmte Carrese di San Pardo: 125 mit (Papier-)Blumen in allen Farben und Formen geschmückte Karren bewegen sich auf Umzügen durch das enge Centro Storico. Die Wagen verschiedener Familien werden i.w. von zwei Ochsen mit teilweise stattlichen Hörnern, mal auch von Schafen und ganz kleine Wagen auch von Kindern gezogen. Nicht ganz ungefährlich, nicht nur mit den Hörnern: Bei uns undenkbar. Aber es war kein Hype, sondern Tradition, fast Andacht, wenn dann der Bischof von Termoli-Larino nach der Messe in der Concattedrale di San Pardo die Gespanne segnete. Natürlich wurden sie in einer Bar gefragt, wie und warum sie hergekommen seien. „Wir machen alle italienischen Regionen durch usw.“ Und Teilnehmende wurde gleich vom Regional-TV ausgefragt.
An dem Tag führte uns die Staatsstraße zweimal über den Lago di Guardalfiera und zwar geradewegs durch auf Brücken, bei denen unsere EU-Kollegen kaum mit der Sanierung nachkommen. In der Regionshauptstadt Campobasso sollte es wenigstens der Burgberg mit dem Castello Monforte sein. Dem Bestseller „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ in Campobasso folgend, hätte sicher weitere Lokalitäten aufgedeckt. Nach schmaler werdenden Straßen kam die Gruppe am Agriturismo im Hügelland mit Aussicht auf die Monti del Matese an. Es lief einmal mehr der Film eines sehr guten, reichlichen und lokalen Essens ab, bei dem man es sich so richtig gutgehen lassen konnte. All inclusive.
Roccamandolfi, ein zauberhafter Ort mit engen Gassen am Hang auf 800 m an den Monti del Matese, hatte es durch eine überschaubare Rundwanderung im Riserva Naturale Torrente Callora in die Wanderziele der Reise geschafft. Etwas Umsatz in der oberen Bar des Ortes machen, dann konnte es losgehen. Ein historischer Rundweg im Ort erzählte vom berühmten Brigantentum des 19. Jh. bis 1860 (i.w. aber grausame Verbrecher) oder von in Stein gehauenen Maßeinheiten auf dem Markt. Auf der ehrwürdigen Rocca Maginulfo gab es zu wenig schattige Sitzplätze, so dass es hieß „Mittagspause am Burgberg“. Frisch gestärkt kam die Ponte Tibetano (Hängebrücke, aber sehr straff) in Sicht, die alle in den Wald hinein meisterten. Im Wald auf schmalem Pfad, hier gingen die Ansprüche los, denn fast unsichtbar gurgelte der Bach weit und steil unter uns. Hinstehen beim Fotografieren und sonst auf den Boden schauen, so haben alle die schwierigste Passage hinter sich. Auf genau 1000 m der Ponte di Pietro hatte man den Bach in der Höhe eingeholt, die Lage entspannte sich einerseits und der Steg hat auch unserem Gruppenbild standgehalten. Andererseits ging für den Wanderführer und seine Helfer in vordersten Reihen die Wegsuche los. Privatgelände abgezäunt, kann es sein bei den Markierungen, welches sind die jüngeren? Schließlich hat die Gruppe den offensichtlich richtigen Weg durch die Wiese bahnend bestimmt, denn das Sträßchen sei mal richtig, so der Wanderführer (und Komoot). Ein gemütlicher Abstieg nach Roccamandolfi mit viel blühendem Dickicht führte uns zur unteren Bar des Ortes, die gerade schließen wollte. Hallo?
Der Busruhetag wurde verschieden gestaltet. Ein Auto voll fand sich zum Ausflug nach Pompeji (100 km), den Bonustrack sicherte sich eine Gruppe mit der Wanderung vom Nachbarort Conca Casale (Bustransfer) durch die Monti del Venafro und über den Burgfried hinunter durch weite Olivenhaine bis Venafro. Andere stiegen vom Bus in der Stadt aus, andere gingen später, fast alle trafen sich beim besten Eis.
Waren an den Vortagen die letzten Kilometer zum Ziel schon knapp für den Bus, so stürzten sich die Hayinger in den Monti del Matese und dem Parco Nazionale Abruzzo-Lazio-Molise PNALM in leicht ungewisse Straßen. Einige Routenplaner zeigten Sperrung in den Matese im Grenzbereich Molise und Kampanien, wo wir zum Startpunkt auf den Gipfel La Gallinola 1.923 m mussten (nebenbei höchster Berg Kampaniens). Nun, unser Hotel hatte im Vorfeld auf Anfrage mit den Carabinieri dort telefoniert, die freie Fahrt bescheinigten. Na also, wird schon stimmen, und dass wir ein großer Bus sind, war ja wohl klar. Mehrere Karstsenken zum Gipfel, sehr schön grasig, und wieder hoch mit sparsamen Markierungen. Kein Mensch dort, aber wir auf der Schneide zwischen Thyrrhenischem Meer und Adria!
Wir wussten, dass die Straße hoch in den PNALM zum Pianoro Campitelli auf 1.450 m breit war. Aber ob das Neuasphaltieren einzelner Abschnitte mit neuen Schlaglöchern und Verwerfungen der Fahrbahndecke Schritt halten konnte, war wieder mal spannend. Ganz langsam und der Autista (Fahrer) hat es von Alfedena (Abruzzen, 950 m) rauf geschafft. Der Tour zwischen Wald, Wiesen, Steinen, Geröllhalden, Schneefeldern und Bären (niemand dachte bei der Tour mehr an sie, sondern an die Anstrengung…) stand nichts mehr im Wege. Während die beiden Grüppchen zum Passo delle Monaci (1.980 m) bzw. zum Monte La Meta (2.242 m) unterwegs waren, thronte der Bus auf dem kleinen Asphaltparkplatz beim winzigen Rifugio, als ob er hereingeschwebt wäre. Sehr gastfreundlich war es dort; wer bekommt da oben schon mal Besuch von einem Bus? Es tauchten also keine Bären auf (Aber es gibt sie, siehe Mülltonnenschutz beim Rifugio.), aber Spuren von ihnen, und Gämsen zuhauf auf den Schneefeldern und Aussichtsfelsen, von denen sie die aufsteigende Gruppe beäugten.
Bei der Überfahrt nach Grottammare durch den Alto Molise nahmen wir uns einen Tratturo, einen Ziehweg der Transumanza, vor. Der Tratturo Celano-Foggia ließ sich auf einer kurzen Teilstrecke von etwa 2 h begehen. Er war immer etwas schmal und etwas zugewachsen, aber wie erwartet mit kleinen Wasserläufen und Herausforderungen. Fast in Sichtweite des Ausganges zur Straße ging plötzlich nichts mehr, einen Weg links oder rechts raus auf vermeintlich leichteres Gelände gab es auch nicht. Aber es war der Weg. Da hieß es für die Ersten Gebüsch biegen, wegdrücken, -knicken, drauftrampeln. Die Rebschere lag schon in Wanderführers Koffer. Aber was war das, es wurde eine Wasserpumpenzange nach vorne gereicht! Abklemmen und rumdrehen, wenigstens dornenfrei. Der Bus erwartete uns in Scalo Ferroviario, Mittagsrast mit Baranschluss mitten in San Pietro Avellana, Molise.
Die Fahrt ging das Sangrotal abwärts, in die Abruzzen, am Stausee Lago di Bomba vorbei und zur A14 Adriaautobahn. Es reichte noch viele Stunden an den Strand und ins Wasser. Liegen und Schirme standen bereit in Grottammare. Ein schöner Abend wie immer und arrivederci Mamma Gina, Roberto e Francesco e tutto lo staff.
Nach den Pfingststaus bei der Hinfahrt konnten wir nun unbehelligt durch Italien, Schweiz, Österreich und Deutschland nach Hause fahren.










